Homöopathie bei BeschwerdenRatgeber
Homöopathie bei Krebs und anderen ernsten Erkrankungen: Studienlage und Risiken
Dass Homöopathie Krebs oder eine andere ernste Krankheit heilen kann, ist durch keine belastbare Studie belegt. Wer eine heilbare Krebserkrankung nur mit alternativen Verfahren behandeln ließ, hatte in einer US-Studie ein 2,5-fach höheres Sterberisiko (die Studie untersuchte alternative Medizin insgesamt). Die deutsche S3-Leitlinie sieht Homöopathie höchstens begleitend zur Krebstherapie.

Nach einer schweren Diagnose suchen viele Menschen nach allem, was helfen könnte. Manche greifen dabei auch zur Homöopathie, oft neben der ärztlichen Behandlung, manchmal statt ihr. Diese Seite zeigt, was Studien zu Homöopathie bei Krebs, Infektionen und chronischen Krankheiten sagen und wo die Gefahren liegen. Wir empfehlen keine Mittel, Potenzen oder Dosierungen.
Was die großen Bewertungen sagen
Die australische Gesundheitsbehörde NHMRC hat 2015 für ihren Bericht 57 systematische Übersichtsarbeiten zu 68 Gesundheitsproblemen ausgewertet. Sie fand keine Krankheit, für die verlässliche Belege eine Wirkung der Homöopathie zeigen.[1] Daraus leitete sie eine Empfehlung ab: Homöopathie sollte nicht zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, die chronisch oder ernst sind oder ernst werden könnten.[1]
Der Verbund der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) hat diese und weitere Bewertungen 2017 zusammengefasst. Für keine bekannte Krankheit gibt es robuste, wiederholbare Belege für eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus. Die EASAC warnt, dass Patienten wegen der Homöopathie wirksame ärztliche Behandlung verspätet suchen könnten.[2] Hintergründe zum australischen Bericht stehen auf der Seite Der australische NHMRC-Bericht von 2015.
Krebs: alternative Behandlung statt Therapie
Wie groß dieses Risiko bei Krebs ist, hat eine Arbeitsgruppe der Yale School of Medicine in den USA untersucht. 281 Patienten mit nicht gestreutem Brust-, Prostata-, Lungen- oder Darmkrebs hatten ausschließlich alternative Medizin gewählt, ohne Operation, Chemotherapie, Bestrahlung oder Hormontherapie.[3] Im Vergleich mit ähnlichen Patienten, die herkömmlich behandelt wurden, war ihr Sterberisiko 2,5-mal so hoch. Bei Brustkrebs lag es 5,7-mal, bei Darmkrebs 4,6-mal und bei Lungenkrebs 2,2-mal so hoch.[3]

Eine zweite Auswertung derselben Forscher von 2018 betraf Patienten, die ergänzende Verfahren neben der Krebstherapie nutzten. Sie lehnten deutlich häufiger weitere Behandlungsschritte ab: eine Operation in 7,0 gegenüber 0,1 Prozent der Fälle, eine Chemotherapie in 34,1 gegenüber 3,2 Prozent und eine Bestrahlung in 53,0 gegenüber 2,3 Prozent.[4] Ihr Sterberisiko war insgesamt etwa doppelt so hoch. Berücksichtigten die Forscher die abgelehnten und verzögerten Behandlungen, war der Unterschied nicht mehr signifikant. Sie folgern, dass das höhere Sterberisiko auf den Verzicht auf die Therapie zurückgeht.[4]
Beide Studien erfassten alternative Verfahren insgesamt und nicht Homöopathie allein. Sie zeigen aber, wo die Gefahr liegt, wenn ein Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis eine Krebstherapie ersetzt.
Wer sich für eine rein alternative Behandlung entschied, hatte in der ersten Studie häufiger Brust- oder Lungenkrebs, einen höheren sozioökonomischen Status, ein Tumorstadium II oder III und weniger Begleiterkrankungen. Die Autoren betonen, dass es um heilbare Krebserkrankungen ging.[3]
Die EASAC beschreibt zwei Umstände, die das Risiko verstärken. Zur Vermarktung homöopathischer Mittel gehöre es häufig, die herkömmliche Medizin schlechtzumachen. Außerdem sieht sie ein Problem für die informierte Einwilligung, wenn Behandler Mittel empfehlen, von denen sie wissen, dass sie biologisch unwirksam sind.[2]
Homöopathie begleitend zur Krebstherapie
Krebspatienten nutzen homöopathische Mittel oft neben der Behandlung, unter anderem wegen der Nebenwirkungen der Therapie. Eine Cochrane-Übersicht von 2009 fand dazu acht kontrollierte Studien mit 664 Teilnehmern.[5] Drei davon untersuchten Nebenwirkungen der Bestrahlung, drei Nebenwirkungen der Chemotherapie und zwei Wechseljahresbeschwerden nach Brustkrebsbehandlung. Vier Studien fanden keinen Nutzen.[5]

Zwei Einzelstudien mit geringem Verzerrungsrisiko werteten die Autoren nur als vorläufige Daten, die erst in weiteren Studien bestätigt werden müssen. Die eine prüfte eine Ringelblumen-Zubereitung zum Auftragen bei Hautreizungen durch Bestrahlung und verglich sie mit einer anderen kortisonfreien Salbe, nicht mit Placebo. Die andere prüfte bei nur 32 Teilnehmern eine Mundspülung bei Entzündungen der Mundschleimhaut unter Chemotherapie. Zwei weitere Studien berichteten positive Ergebnisse, ihr Verzerrungsrisiko blieb aber unklar. Für alle anderen Nebenwirkungen der Krebstherapie fanden die Autoren keine überzeugenden Belege.[5] Einige der Autoren hatten Verbindungen zur Homöopathie: Die Erstautorin leitete die komplementärmedizinische Krebsversorgung am Royal London Homoeopathic Hospital, ein Mitautor wechselte später zum Hersteller eines der untersuchten Präparate.[5]
Die deutsche S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin bei Krebspatienten, Version 2.0 vom Mai 2024, hat die Studienlage ebenfalls bewertet. Zur klassischen Homöopathie liegt eine randomisierte Studie vor. Die Leitlinie hält fest, dass das ausführliche Erstgespräch zusammen mit einer individuellen Mittelwahl erwogen werden kann, um die Lebensqualität zusätzlich zur Tumortherapie zu verbessern. Das entspricht dem Empfehlungsgrad 0, den die Leitlinie als "Empfehlung offen" bezeichnet.[6] Nach den Erläuterungen der Leitlinie vergab die zuständige Arbeitsgruppe diesen Grad oft auch für Verfahren wie Akupunktur, die in kontrollierten Studien nicht besser abschnitten als Placebo oder die übliche Versorgung.[6]
Für in Deutschland registrierte homöopathische Einzelmittel und Komplexmittel stellt die Leitlinie fest, dass keine ausreichenden Daten aus randomisierten Studien zu Sterblichkeit, Beschwerden und Lebensqualität vorliegen. Sie spricht deshalb weder eine Empfehlung dafür noch dagegen aus.[6]
Infektionskrankheiten
Bestimmte übertragbare Krankheiten dürfen in Deutschland nur Ärztinnen und Ärzte feststellen und behandeln. Das regelt § 24 des Infektionsschutzgesetzes. Erfasst sind unter anderem viele meldepflichtige Krankheiten, Infektionen mit meldepflichtigen Erregern und sexuell übertragbare Krankheiten.[7] Eine Behandlung durch Heilpraktiker oder Homöopathen ohne ärztliche Approbation scheidet für diese Krankheiten damit aus. Wer welche Behandlung anbieten darf, erklärt die Seite Wer Homöopathie anbieten darf.
Auch die Werbung ist eingeschränkt. Nach § 12 des Heilmittelwerbegesetzes darf sich Arzneimittelwerbung außerhalb der Fachkreise nicht auf die Erkennung, Verhütung, Beseitigung oder Linderung bestimmter Krankheiten beziehen.[8] Die Anlage zum Gesetz nennt dazu meldepflichtige Krankheiten und Infektionen, bösartige Neubildungen, also Krebs, Suchtkrankheiten außer der Nikotinabhängigkeit sowie krankhafte Komplikationen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.[9] Unabhängig von der Krankheit verbietet § 3 HWG irreführende Werbung. Dazu zählt, einem Mittel eine Wirkung zuzuschreiben, die es nicht hat, oder den falschen Eindruck zu erwecken, ein Erfolg sei sicher zu erwarten oder es gebe keine schädlichen Wirkungen.[10] Wie das Werberecht für Homöopathie insgesamt aussieht, steht unter Was Werbung für Homöopathie darf.
Chronische Krankheiten wie Asthma, Diabetes und Herzleiden
Bei chronischen Krankheiten liegt das Risiko darin, dass jemand ein wirksames Medikament absetzt oder eine Verschlechterung zu lange hinnimmt. Die NHMRC-Empfehlung, Homöopathie nicht bei chronischen oder ernsten Krankheiten einzusetzen, gilt hier ausdrücklich.[2]
Für Asthma gibt es eine Cochrane-Übersicht mit sechs placebokontrollierten Doppelblindstudien und 556 Teilnehmern. Die Ergebnisse zur Lungenfunktion widersprachen sich. Die Belege reichten nicht aus, um eine mögliche Rolle der Homöopathie bei Asthma verlässlich zu bewerten.[11] Die Autoren merken an, dass die Studien meist ein einheitliches Mittel für alle Teilnehmer verwendeten, was nicht der üblichen individuellen Praxis entspricht. Ob das Gesamtpaket aus ausführlichem Gespräch und Mittel etwas bewirkt, sei kaum untersucht.[11] Für Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten gilt die allgemeine Einschätzung der EASAC, dass es für keine Krankheit robuste Wirksamkeitsbelege gibt.[2] Mehr zum Thema Asthma steht auf der Seite Homöopathie bei Heuschnupfen und Allergien.
Wie sicher die Mittel selbst sind
Hoch verdünnte Mittel gelten meist als harmlos, weil kaum noch Ausgangsstoff enthalten ist. Die EASAC weist aber darauf hin, dass das in der Praxis nicht immer zutrifft. Sie nennt eine Untersuchung der US-Arzneimittelbehörde FDA, bei der für homöopathische Zahnungsmittel schwere Nebenwirkungen bis hin zu Todesfällen bei Säuglingen gemeldet worden waren. Die Giftwirkung hing mit schwankenden Mengen des Ausgangsstoffs Tollkirsche zusammen.[2] Die Akademien fordern deshalb eine strengere Qualitätskontrolle und eine bessere Erfassung von Nebenwirkungen.[2]

In den Studien der Cochrane-Übersicht zur Krebsbehandlung wurden keine schweren Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen durch die homöopathischen Mittel berichtet.[5] Nenne trotzdem alle Mittel, die du nimmst, deinem Behandlungsteam.
Wo du verlässliche Auskunft bekommst
Beim Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums beantworten Ärztinnen und Ärzte Fragen zu Krebs. Sie sind telefonisch kostenlos unter 0800 420 30 40 erreichbar, täglich von 8 bis 20 Uhr, und per E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.de.[12]
Warum ausgerechnet bei ernsten Krankheiten der Zeitverlust das eigentliche Risiko ist, beschreibt die Seite Risiken: wenn wirksame Behandlung zu spät kommt.
- Behörde NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions (NHMRC ref CAM02A), abgerufen über das Internet-Archiv, Schnappschuss 21.09.2024. National Health and Medical Research Council (NHMRC), Australien. Stand 03/2015. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand 09/2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Use of Alternative Medicine for Cancer and Its Impact on Survival. Journal of the National Cancer Institute 110(1). Stand 01/2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Complementary Medicine, Refusal of Conventional Cancer Therapy, and Survival Among Patients With Curable Cancers. JAMA Oncology 4(10). Stand 10/2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Kassab S, Cummings M, Berkovitz S, van Haselen R, Fisher P: Homeopathic medicines for adverse effects of cancer treatments (Cochrane Review, CD004845). Cochrane Database of Systematic Reviews. Stand 04/2009. abgerufen am 29.10.2026
- Leitlinie S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, Kurzversion 2.0, AWMF-Registernummer 032-055OL. Leitlinienprogramm Onkologie (AWMF, Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe). Stand 05/2024. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 24 Infektionsschutzgesetz (IfSG). Bundesministerium der Justiz. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 12 Heilmittelwerbegesetz (HWG). Bundesministerium der Justiz. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz Anlage zu § 12 Heilmittelwerbegesetz (HWG). Bundesministerium der Justiz. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 3 Heilmittelwerbegesetz (HWG). Bundesministerium der Justiz. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Studie McCarney RW, Lasserson TJ, Linde K, Brinkhaus B: An overview of two Cochrane systematic reviews of complementary treatments for chronic asthma: acupuncture and homeopathy. Respiratory Medicine 98(8). Stand 08/2004. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Krebsinformationsdienst: Kontakt. Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ). Stand 24.06.2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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