Grundlagen der HomöopathieRatgeber
Erstverschlimmerung: was dahintersteckt und wann du zum Arzt solltest
Als Erstverschlimmerung bezeichnen Homöopathen eine kurze Verstärkung der Beschwerden nach Beginn der Einnahme, die sie als Zeichen eines passenden Mittels deuten. Studien konnten nicht zeigen, dass es dieses Phänomen gibt: Unter Scheinmitteln wurden ähnlich viele Verschlimmerungen beobachtet. Wenn es dir schlechter geht, lass das ärztlich abklären.

Viele, die homöopathische Mittel nehmen, hören irgendwann den Satz, eine Verschlechterung sei ein gutes Zeichen. Gemeint ist die sogenannte Erstverschlimmerung. Hier erfährst du, woher der Begriff stammt, was Hahnemann selbst darüber schrieb, was Studien zeigen und warum du eine Verschlechterung nie einfach abwarten solltest.
Was mit Erstverschlimmerung gemeint ist
Als Erstverschlimmerung bezeichnen Homöopathinnen und Homöopathen eine Verstärkung der vorhandenen Beschwerden kurz nach Beginn der Einnahme. Nach ihrer Vorstellung zeigt sie an, dass das Mittel richtig gewählt wurde, und kündigt eine Besserung an. In Gesprächen und Ratgebern wird sie oft als typischer Teil einer Behandlung beschrieben.
Diese Deutung hat eine Folge, die du kennen solltest: Wer eine Verschlechterung als gutes Zeichen versteht, wartet eher ab und lässt sie später untersuchen, manchmal zu spät.
Was Hahnemann darüber schrieb
Hahnemann sprach von der homöopathischen Verschlimmerung. In der vierten Auflage seines "Organon der Heilkunst" von 1829 beschreibt er sie als kleine, vorübergehende Verstärkung der Beschwerden in der ersten Stunde oder den ersten Stunden nach der Einnahme [1]. War die Gabe etwas zu groß, könne sie mehrere Stunden anhalten. Je kleiner die Gabe, desto schwächer und kürzer falle sie aus [1].

Seine Erklärung folgt aus dem Ähnlichkeitsprinzip. Das Mittel erzeuge eine Arzneikrankheit, die dem Leiden sehr ähnlich und etwas stärker sei und es dadurch verdränge [1]. Bei chronischen Leiden beschrieb er 1829 wiederkehrende kurze Verschlimmerungen von einigen Stunden in den ersten sechs bis zehn Tagen [2].
Bei akuten Krankheiten sah Hahnemann in der Verschlimmerung ein Zeichen, dass die Krankheit meist schon mit der ersten Gabe überwunden sei [1]. Andere Ärzte hätten solche Verschlimmerungen ebenfalls beobachtet, wenn ihnen der Zufall ein homöopathisches Mittel in die Hand spielte. Stärkere Verschlimmerungen führte er auf zu große Gaben zurück [1]. Seine Deutung stützt sich auf eigene Beobachtungen und Berichte anderer Ärzte. Vergleiche mit Kranken, die kein Mittel bekamen, gab es damals nicht.
In der letzten, sechsten Auflage änderte Hahnemann diese Darstellung. Das Informationsnetzwerk Homöopathie hat die betreffenden Paragraphen ausgewertet: Bei akuten Krankheiten spricht Hahnemann dort weiter von Stunden. Bei chronischen Krankheiten, die mit kleinen, langsam gesteigerten Gaben behandelt werden, solle eine solche Verstärkung während der Behandlung gar nicht auftreten, allenfalls gegen Ende [3]. Eine Verschlechterung über Tage zu Beginn einer Behandlung findet sich in Hahnemanns letzter Fassung also nicht [3].
Gibt es die Erstverschlimmerung überhaupt?
Ob eine homöopathische Verschlimmerung tatsächlich auftritt, lässt sich nur mit Studien prüfen, in denen eine Gruppe ein Scheinmittel bekommt. Eine systematische Übersicht von Grabia und Ernst wertete 2003 genau solche doppelblinden Studien aus. Einbezogen wurden randomisierte Studien, die über Nebenwirkungen oder Verschlimmerungen berichteten. Insgesamt kamen Verschlimmerungen selten vor. In 24 Studien wurden sie 50-mal bei Personen mit Scheinmittel und 63-mal bei Personen mit homöopathischem Mittel berichtet [4]. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass ihre Übersicht keinen klaren Beleg dafür liefert, dass es das Phänomen gibt [4].

Eine größere Übersicht aus Norwegen von 2016 untersuchte 41 Studien mit 6.055 Teilnehmenden. In 28 Studien wurden Nebenwirkungen berichtet, in nur fünf Studien homöopathische Verschlimmerungen [5]. Bei den Nebenwirkungen fand sich kein Unterschied zwischen den Gruppen mit homöopathischem Mittel und den Vergleichsgruppen [5]. Die beschriebenen Verschlimmerungen waren fast alle leicht [5].
Im Vergleich mit Scheinmitteln fanden beide Übersichten keinen Unterschied: Grabia und Ernst zählten Verschlimmerungen, Stub und Kollegen Nebenwirkungen insgesamt. Eine besondere Reaktion auf ein richtig gewähltes Mittel war in den kontrollierten Studien nicht zu erkennen [4, 5].
Erstverschlimmerung oder Nebenwirkung?
Die norwegische Übersicht trennte zwei Dinge, die im Alltag oft vermischt werden. Als homöopathische Verschlimmerung galt eine Verstärkung der vorhandenen Beschwerden, als Nebenwirkung jede andere unerwünschte Reaktion. Die Schwere bewerteten die Forschenden nach einer Skala aus der Krebsmedizin, die von leicht über mittel bis schwer reicht [5].
Von den Nebenwirkungen waren 68 Prozent leicht, 25 Prozent mittelschwer und 6 Prozent schwer [5]. Die berichteten Verschlimmerungen waren zu 98 Prozent leicht [5]. Unerwünschte Reaktionen traten unter homöopathischen Mitteln und in den Vergleichsgruppen etwa gleich häufig auf [5]. Wie man eine Veränderung nennt, ist für dich zweitrangig: Wenn sie dich beunruhigt, lass sie abklären.
Es hilft, Veränderungen festzuhalten: wann eine Beschwerde begonnen hat, wie stark sie ist, ob Fieber dazukommt und wie sie sich über die Tage entwickelt. Mit diesen Angaben kann deine Ärztin oder dein Arzt die Lage besser einschätzen.
Andere Erklärungen für eine Verschlechterung
Wenn es dir nach Beginn einer Behandlung schlechter geht, gibt es naheliegende Gründe. Viele Krankheiten verlaufen in Wellen, und chronische Beschwerden schwanken von Tag zu Tag. Die europäischen Akademien der Wissenschaften (EASAC) nennen den natürlichen Verlauf einer Krankheit und die Regression zur Mitte als Gründe, warum Besserungen einer Behandlung zugeschrieben werden, die sie nicht verursacht hat [6]. Für Verschlechterungen gilt dasselbe in umgekehrter Richtung.
Es kann auch sein, dass eine neue Erkrankung hinzukommt oder dass die eigentliche Ursache ernster ist als vermutet. Eine Verschlechterung, die als Erstverschlimmerung gedeutet wird, kann also eine Krankheit sein, die behandelt werden muss.
Warum eine Verschlechterung kein gutes Zeichen ist
EASAC warnt, dass homöopathische Behandlung Schaden anrichten kann, wenn sie dazu führt, dass jemand wirksame medizinische Hilfe später sucht [6]. Die Erstverschlimmerung ist dafür ein typischer Weg: Sie liefert eine Erklärung, warum man trotz zunehmender Beschwerden weitermachen und abwarten soll.
Auch der Gesetzgeber setzt auf Abklärung. Registrierte homöopathische Arzneimittel müssen auf der Packung darauf hinweisen, dass bei während der Anwendung fortdauernden Krankheitssymptomen medizinischer Rat einzuholen ist [7]. Von einer Verschlechterung als erwünschter Reaktion ist dort keine Rede. Werbung für Heilmittel darf zudem nicht den Eindruck erwecken, ein Erfolg sei sicher zu erwarten [8]. Wer eine Verschlechterung als sicheres Zeichen der baldigen Heilung darstellt, kommt dieser Grenze nahe. Mehr dazu erklärt der Artikel Was Werbung für Homöopathie darf.
Was du vor einer Behandlung fragen kannst
EASAC sieht ein Problem für die informierte Einwilligung, wenn Behandler Mittel empfehlen, deren biologische Wirkung nicht belegt ist [6]. Du kannst selbst dafür sorgen, dass du weißt, worauf du dich einlässt. Diese Fragen helfen, bevor du ein Mittel nimmst:
- Was tun wir, wenn es mir schlechter geht, und ab wann soll ich ärztliche Hilfe holen?
- Woran merke ich, dass die Behandlung nicht hilft, und wie lange warten wir höchstens?
- Ist meine Erkrankung ärztlich abgeklärt, und brauche ich daneben eine andere Behandlung?
- Darf ich meine übrigen Medikamente weiter nehmen?
Eine seriöse Behandlerin oder ein seriöser Behandler beantwortet diese Fragen klar und schickt dich bei einer Verschlechterung zur Ärztin oder zum Arzt. Wer dir rät, trotz zunehmender Beschwerden einfach weiterzumachen, weil das zur Heilung gehöre, verlässt sich auf eine Deutung, die Studien nicht stützen.
Wann du ärztliche Hilfe brauchst
Hol dir ärztlichen Rat, wenn sich Beschwerden nach Beginn einer Behandlung verschlimmern oder nicht innerhalb weniger Tage bessern. Bei hohem Fieber, auch bei Säuglingen, bei starken Bauchschmerzen oder bei Blut im Stuhl, im Urin oder beim Husten lass dich zeitnah ärztlich untersuchen, außerhalb der Sprechzeiten über den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 [9]. Ruf sofort den Notruf 112, wenn eines dieser Zeichen auftritt [9]:

- Atemnot, Druck oder Schmerzen in der Brust
- Ohnmacht oder starker Blutverlust nach einem Unfall
- plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen oder Sehstörungen
- Hautausschlag, der sich schnell ausbreitet, mit Schwellungen im Gesicht oder Atemproblemen
Hast du Globuli oder Tropfen selbst in der Apotheke gekauft, gilt der Hinweis auf der Packung: Bei anhaltenden Krankheitszeichen sollst du medizinischen Rat einholen [7]. Das gilt ausdrücklich auch dann, wenn dir jemand erklärt hat, eine Verschlechterung sei zu erwarten.
Bei Kindern, Schwangeren, älteren Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen gilt: lieber früher abklären als später. Wenn du ein homöopathisches Mittel nimmst, sag das deiner Ärztin oder deinem Arzt. Welche weiteren Risiken entstehen können, wenn wirksame Behandlung zu spät kommt, steht unter Risiken. Wo die Grenzen der Selbstbehandlung liegen, erklärt der Artikel Selbstbehandlung mit Homöopathie.
- Organon der Heilkunst, 4. Auflage (§§ 151 bis 154). Samuel Hahnemann, Arnoldische Buchhandlung, Dresden und Leipzig, digitalisiert bei Projekt Gutenberg. Stand 1829. abgerufen am 29.10.2026
- Organon der Heilkunst, 4. Auflage (§ 155). Samuel Hahnemann, Arnoldische Buchhandlung, Dresden und Leipzig, digitalisiert bei Projekt Gutenberg. Stand 1829. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Is an "initial aggravation" proof of the effect of homeopathy?. Informationsnetzwerk Homöopathie (INH). Stand 07.09.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Homeopathic aggravations: a systematic review of randomised, placebo-controlled clinical trials (Grabia S, Ernst E). Homeopathy 92 (2003), S. 92 bis 98. Stand 2003. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Adverse effects of homeopathy, what do we know? A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials (Stub T u. a.). Complementary Therapies in Medicine 26 (2016), S. 146 bis 163. Stand 2016. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand September 2017. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 10 Arzneimittelgesetz (AMG): Kennzeichnung, Absatz 4. Bundesministerium der Justiz. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 3 Heilmittelwerbegesetz (HWG): Irreführende Werbung. Bundesministerium der Justiz. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Notruf 112 & Co: Wer hilft wann?. Apotheken Umschau, Wort & Bild Verlag. Stand 09.02.2023. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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