Was die Wissenschaft sagtRatgeber
Der australische NHMRC-Bericht von 2015: Vorgehen, Ergebnis und Streit
Der National Health and Medical Research Council (NHMRC) in Australien hat 57 systematische Übersichtsarbeiten zu 68 Gesundheitsproblemen ausgewertet. Im März 2015 kam er zu dem Ergebnis, dass es für keine Erkrankung verlässliche Belege für eine Wirksamkeit der Homöopathie gibt. Homöopathie-Verbände kritisieren vor allem die strengen Maßstäbe für "verlässlich"; eine Untersuchung des australischen Ombudsman endete 2023 ohne Beanstandung.

Im März 2015 veröffentlichte der National Health and Medical Research Council (NHMRC), eine Einrichtung der australischen Regierung, eine Bewertung der Forschung zur Homöopathie.[1] Der Bericht wird seitdem in vielen Debatten zitiert, auch in Deutschland. Hier steht, wie die Fachleute vorgingen, was sie herausfanden, was Homöopathie-Verbände bemängeln und wie die Prüfung durch den australischen Ombudsman ausging.
Wie die Arbeitsgruppe vorging
Der NHMRC hat keine eigenen Studien durchgeführt. Seine Arbeitsgruppe wertete bereits veröffentlichte systematische Übersichtsarbeiten aus, insgesamt 57 Arbeiten zu 68 Gesundheitsproblemen.[1, 2, 9] Diese Übersichten enthielten zusammen 176 Einzelstudien.[2, 9, 10] Den Vorsitz der Arbeitsgruppe hatte Paul Glasziou, Professor für evidenzbasierte Medizin an der Bond University in Australien und nebenbei Hausarzt.[1, 2]

Eine systematische Übersichtsarbeit sucht nach festen Regeln alle Studien zu einer Frage und fasst ihre Ergebnisse zusammen. Der NHMRC ging eine Stufe höher und bewertete solche Übersichten.[2]
Glasziou hat das Vorgehen später in einem Blog des British Medical Journal erklärt. Die Gruppe habe die Übersichtsarbeiten nicht neu gerechnet, das hätte nach seiner Schätzung mehr als drei Millionen Dollar gekostet. Sie nutzte die Übersichten als Fenster auf die gesamte Forschung und suchte in den besseren Studien nach Hinweisen auf eine Wirkung.[2] Bei 176 Studien sei zu erwarten, dass einige rein zufällig ein statistisch auffälliges Ergebnis zeigen. Deshalb achtete die Gruppe darauf, ob sich Ergebnisse in weiteren Studien wiederholen ließen.[2]
Untersucht wurden sehr unterschiedliche Beschwerden. Der Rat der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) nennt in seiner Zusammenfassung unter anderem rheumatoide Arthritis, Hautentzündungen durch Bestrahlung, Mundschleimhautentzündungen bei Chemotherapie, HIV, Asthma, Angst, Depression, ADHS bei Kindern, Malaria und Schlaganfall. Für einige dieser Anwendungen stützten sich die Behauptungen nur auf eine einzige Studie.[1] Das Branchenportal Apotheke Adhoc berichtete außerdem von Kopfschmerzen, Migräne, Warzen, Erkältung und Durchfall bei Kindern.[3]
Das Ergebnis
Die zentrale Aussage lautet: Es gibt keine Gesundheitsprobleme, für die verlässliche Belege zeigen, dass Homöopathie wirksam ist.[1, 4, 10] Glasziou betont, dass sich das auf Forschung an Menschen und auf die Bandbreite der betrachteten Beschwerden bezieht.[2] Positive Ergebnisse einzelner Studien hielten die Fachleute für nicht belastbar, unter anderem wegen kleiner Teilnehmerzahlen und Mängeln in Aufbau und Durchführung.[3]
Daraus leitete der NHMRC eine Empfehlung ab: Homöopathie sollte nicht zur Behandlung von Beschwerden eingesetzt werden, die chronisch oder ernst sind oder ernst werden könnten.[1, 10] Wer Homöopathie wählt und dafür Behandlungen mit guten Belegen ablehnt oder hinauszögert, kann nach dem NHMRC seine Gesundheit gefährden.[10] Der damalige NHMRC-Chef Warwick Anderson warnte bei der Vorstellung des Berichts davor, bei schweren oder chronischen Krankheiten auf Homöopathie zu setzen, davor. Der NHMRC rät außerdem, verordnete Behandlungen fortzuführen.[3, 10] Welche Folgen eine verspätete Behandlung haben kann, beschreibt die Seite Risiken: wenn wirksame Behandlung zu spät kommt.
Glasziou schrieb, er sei mit offener Haltung in die Arbeit gegangen und hätte eine Wirkung für möglich gehalten. Überrascht habe ihn, dass Homöopathie auch bei Infektionen wie HIV und Malaria beworben wird, für die es wirksame Behandlungen gibt.[2] Schon bei der Vorstellung des Berichts rechnete er mit dem Vorwurf, das Ergebnis sei eine Verschwörung des Establishments. Er hoffte, dass Anbieter und Anwender überdenken, ob sie die Mittel weiter verkaufen, nehmen oder bewerben.[3]
Was "keine verlässlichen Belege" bedeutet
In Schlagzeilen wurde aus dem Bericht oft "Homöopathie wirkt nicht". Der Bericht selbst sagt etwas Engeres: Er fand keine verlässlichen Belege für eine Wirkung.[1, 4] Das ist eine Aussage über die vorhandene Forschung. Das Homeopathy Research Institute (HRI), eine Forschungsorganisation aus dem Umfeld der Homöopathie, betont diesen Unterschied und wirft Medien vor, das Ergebnis verkürzt wiedergegeben zu haben.[5]
Wer neue, bessere Studien vorlegt, könnte das Bild also grundsätzlich ändern. Der EASAC hat 2017 aber auch über den NHMRC-Bericht hinaus Übersichtsarbeiten und Cochrane-Reviews ausgewertet. Er kommt zu dem Schluss, dass es für keine bekannte Krankheit belastbare, wiederholbare Belege gibt, dass Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt.[1] Wie andere Übersichtsarbeiten ausfallen, steht auf der Seite Was Studien zur Homöopathie zeigen.
Der Bericht im Vergleich mit anderen Bewertungen
Der NHMRC war nicht die erste Stelle, die so urteilte. Ein Ausschuss des britischen Unterhauses schrieb 2010, die systematischen Übersichten und Meta-Analysen zeigten schlüssig, dass homöopathische Produkte nicht besser wirken als Placebo. Er forderte die britische Regierung auf, die öffentliche Finanzierung und die Zulassung als Arzneimittel zu beenden.[1] Cochrane-Übersichten zu Asthma, Demenz, Geburtseinleitung, ADHS, Reizdarmsyndrom und Grippe kamen jeweils zu dem Schluss, dass es keine oder zu wenige Belege gibt, um eine mögliche Wirkung verlässlich zu beurteilen.[1]
Eine Berner Arbeitsgruppe hatte 2005 Homöopathie-Studien mit Studien zu konventionellen Mitteln verglichen. Kleine und methodisch schwächere Studien zeigten in beiden Gruppen größere Effekte als große und sorgfältige.[11] Glasziou nannte die Homöopathie in seinem Rückblick eine therapeutische Sackgasse.[2]
Die Kritik von Homöopathie-Verbänden
Am ausführlichsten hat das HRI den Bericht kritisiert. Sein Hauptpunkt ist die Schwelle für "verlässlich". Nach seiner Darstellung galt eine Studie nur dann als verlässlich, wenn sie mindestens 150 Teilnehmende hatte und auf der Jadad-Skala, einem Punktesystem für die methodische Qualität, die volle Punktzahl von 5 erreichte. Von 176 Studien seien dadurch nur 5 übrig geblieben, die der NHMRC alle als negativ eingestuft habe.[5] Die Grenze von 150 Teilnehmenden hält das HRI für willkürlich.[5]
Weitere Einwände des HRI: In der Arbeitsgruppe saß keine Fachperson für Homöopathie. Gutachter, darunter das Australasian Cochrane Centre, hätten die Schlussfolgerungen in Frage gestellt, ohne dass der NHMRC sie änderte.[5] Außerdem habe es einen ersten Bericht gegeben. Ein Team der University of South Australia habe ihn 2012 im Auftrag des NHMRC erstellt, danach sei ein zweites Unternehmen beauftragt worden. Der erste Bericht sei erst im August 2019 als Entwurf veröffentlicht worden und habe für fünf Beschwerden "ermutigende" Hinweise gesehen. Der NHMRC habe ihn als mangelhaft zurückgewiesen.[5] Diese Angaben stammen aus der Darstellung des HRI.
Auch der Verband australischer Homöopathen widersprach 2015 in einem offenen Brief. Er verwies auf die mehr als 200-jährige Geschichte der Homöopathie, auf rund eine Million Anwender in Australien und auf die Wahlfreiheit der Patienten.[3]
Die Prüfung durch den Ombudsman
Mit der Kritik befasste sich auch der australische Commonwealth Ombudsman. Nach Hinweisen auf mögliche Mängel begann er im September 2017 eine Untersuchung, wie die Bewertung zwischen 2010 und 2015 abgelaufen war, und schloss sie im Juli 2023 ab.[6]

Normalerweise äußert sich der Ombudsman nicht öffentlich zu seinen Untersuchungen. In diesem Fall hatte er schon am 04.06.2021 bestätigt, dass er ermittelt, und machte deshalb auch das Ergebnis bekannt.[6] Er gab es am 04.08.2023 heraus: Die Untersuchung führte zu keinen nachteiligen Feststellungen über die Bewertung oder den NHMRC. Einzelne Fragen zur wissenschaftlichen Methode konnte er aber nicht abschließend beurteilen, weil er trotz großer Bemühungen keine unabhängigen Fachleute als Berater gewinnen konnte. Dem NHMRC gab er Hinweise, wie er Entscheidungen besser dokumentieren und öffentlich erklären kann. Der NHMRC hatte seine Abläufe während der Untersuchung bereits selbst verbessert.[6]
Wie der Bericht heute verwendet wird
Der NHMRC-Bericht ist eine der Grundlagen für spätere Stellungnahmen. Der EASAC stützt sich 2017 ausdrücklich auf ihn und fordert, dass Gesundheitssysteme homöopathische Mittel nur erstatten, wenn deren Wirksamkeit und Sicherheit in strengen Prüfungen belegt sind.[1] Der Verband der australischen Hausärzte (RACGP) verweist in seiner Stellungnahme vom Oktober 2025 auf den Bericht. Er rät Ärztinnen und Ärzten, keine Homöopathie auszuüben, nicht an Homöopathen zu überweisen und keine homöopathischen Mittel zu empfehlen. Außerdem sollen sie von sich aus mit Patienten darüber sprechen, ob diese Homöopathie nutzen oder nutzen wollen.[4]
In Deutschland können homöopathische Arzneimittel seit dem 30.07.2026 nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Grundlage ist das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Als freiwillige Satzungsleistung dürfen Kassen sie noch bis zum 31.12.2026 erstatten, ab dem 01.01.2027 ist auch das ausgeschlossen.[7, 8] Einzelheiten stehen auf der Seite Zahlt die Krankenkasse Homöopathie? Warum Patienten trotz fehlender Belege oft eine Besserung erleben, erklärt die Seite Der Placeboeffekt.
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand 09/2017. abgerufen am 29.10.2026
- Paul Glasziou: Still no evidence for homeopathy (Blog). The BMJ Opinion. Stand 16.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Homöopathie nicht besser als Placebo (Australien). Apotheke Adhoc. Stand 20.03.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Fachgesellschaft Position statement: Homeopathy. The Royal Australian College of General Practitioners (RACGP). Stand 10/2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation The Australian Report on homeopathy. Homeopathy Research Institute (HRI). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Finalisation of investigation relating to the National Health and Medical Research Council's review of the evidence for the effectiveness of homeopathy. Commonwealth Ombudsman, Australien. Stand 04.08.2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz am 30. Juli 2026 in Kraft getreten: Änderungen, die sofort umzusetzen sind (Infoletter). Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt. Stand 31.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in Kraft: Was sich für Praxen ändert. Deutsches Ärzteblatt. Stand 30.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. National Health and Medical Research Council (NHMRC), Australien. Stand 03/2015. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde NHMRC Statement: Statement on Homeopathy. National Health and Medical Research Council (NHMRC), Australien. Stand 03/2015. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet 366(9487), S. 726 bis 732. Stand 2005. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
StudienlageDer PlaceboeffektWas ein Placebo ist, wie der Placeboeffekt entsteht, wie groß er in Studien ausfällt und warum Übersichtsarbeiten die …
StudienlageHomöopathische VerdünnungAb welcher Potenz kein Molekül des Ausgangsstoffs mehr da ist, was die Avogadro-Konstante damit zu tun hat und was Physiker …- StudienlageRisiken der HomöopathieWelche Risiken Fachleute bei Homöopathie sehen: verspätete Behandlung, ausgelassene Impfungen, Nebenwirkungen.