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Der Placeboeffekt: wie Erwartung wirkt und was er mit Homöopathie zu tun hat

Der Placeboeffekt ist eine Besserung, die durch die Behandlungssituation entsteht und nicht durch einen Wirkstoff, etwa durch Erwartung, Zuwendung und Gewöhnung. Er wirkt vor allem auf Beschwerden, die Patienten selbst einschätzen, etwa Schmerz und Übelkeit. Große Übersichtsarbeiten halten die beobachteten Effekte der Homöopathie für vereinbar mit Placeboeffekten.

Zwei gleiche weiße Tabletten und einige weiße Zuckerkügelchen auf einer hellblauen Untertasse auf einem Holztisch
Bild: KI-generiert

Viele Menschen erzählen, dass es ihnen nach Globuli besser ging. Das kann stimmen, ohne dass die Kügelchen selbst die Ursache sind. Die Medizin kennt dafür mehrere Erklärungen, die wichtigste ist der Placeboeffekt. Hier geht es darum, was Placebos sind, wie der Effekt entsteht, wie stark er in Studien ausfällt und warum Fachleute ihn zur Erklärung der Homöopathie heranziehen.

Was Placebo und Placeboeffekt bedeuten

Ein reines Placebo ist ein Scheinmedikament ohne pharmakologisch wirksamen Stoff, zum Beispiel eine Zuckertablette. Daneben gibt es Pseudo-Placebos: Substanzen, die zwar pharmakologisch aktiv sind, bei der jeweiligen Erkrankung aber keine spezifische Wirkung entfalten, etwa weil die Dosis zu niedrig ist. Das beschreibt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer in seiner Stellungnahme "Placebo in der Medizin", die der Vorstand der Kammer im März 2010 zustimmend zur Kenntnis genommen hat.[1]

Der Beirat fasst den Begriff weiter. Zum Placebo gehören danach auch Scheinprozeduren, das Behandlungsumfeld, die Erwartungen von Arzt und Patient und die Qualität ihres Gesprächs. Ein Placeboeffekt kann nach der Stellungnahme bei nahezu jeder Behandlung auftreten, auch bei Standardtherapien mit wirksamen Arzneimitteln. Wie stark er ausfällt, hängt unter anderem von der Beziehung zwischen Arzt und Patient ab.[1]

Das Gegenstück heißt Noceboeffekt. Gemeint ist eine Verschlechterung, die durch Erwartungen und Erfahrungen ausgelöst wird. Auch ihn sollen Ärzte nach der Stellungnahme beachten.[1]

Wie der Effekt entsteht

Placebo- und Arzneimitteleffekte lassen sich im Gehirn nachweisen, der Placeboeffekt hat also eine biologische Grundlage. Ein umfassendes Erklärungsmodell fehlt bisher. Die Stellungnahme der Bundesärztekammer beschreibt zwei Ansätze.[1]

Frau in den Dreißigern sitzt entspannt mit einer Tasse Tee am Fenster auf dem Sofa, die Augen geschlossen
Bild: KI-generiert

Der erste beruht auf Lernen. Der Körper verknüpft, meist unbewusst, die Einnahme einer Tablette mit der Erfahrung, dass es danach besser wird. Diese Konditionierung ist etwa bei Schmerz, Depression und Parkinson untersucht. Der zweite Ansatz stellt die Erwartung in den Mittelpunkt: Wer eine Besserung erwartet, erlebt sie eher. Erwartung und Effekt hängen aber nicht immer zusammen.[1]

Auch die Form der Behandlung spielt eine Rolle. Nach der Stellungnahme wirken Placebos als Spritze in die Vene stärker als zum Schlucken, und Farbe und Größe von Tabletten machen einen Unterschied.[1] Eine Cochrane-Übersichtsarbeit fand größere Placeboeffekte bei körperlichen Scheinbehandlungen wie Scheinakupunktur als bei Scheinmedikamenten.[2]

Wie groß der Effekt in Studien ist

Die Stärke des Placeboeffekts lässt sich nur messen, wenn eine Studie neben der Placebogruppe auch eine Gruppe ganz ohne Behandlung hat. Solche Studien haben Hróbjartsson und Gøtzsche vom Nordic Cochrane Centre 2010 zusammengefasst. Sie schlossen 234 Studien zu 60 Krankheitsbildern ein, 202 davon lieferten auswertbare Daten. Nur 16 dieser Studien, also 8 Prozent, hatten nach ihrer Einschätzung ein geringes Risiko für Verzerrungen.[2]

Ihr Ergebnis ist nüchtern. Im Allgemeinen fanden sie keine wichtigen klinischen Effekte von Placebos. Bei Beschwerden, die Patienten selbst angeben, vor allem bei Schmerz und Übelkeit, konnten Placebos das Ergebnis aber beeinflussen. Beim Schmerz reichte die Spanne von vernachlässigbar bis klinisch bedeutsam, selbst in methodisch guten Studien.[2] Für Rauchen, Demenz, Depression, Übergewicht, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und Angst fanden sie keinen statistisch gesicherten Placeboeffekt, allerdings mit großer Unsicherheit.[2]

Die Autoren weisen auf ein Messproblem hin: Was Patienten selbst berichten, lässt sich schwer von verzerrten Angaben trennen, etwa wenn jemand aus Höflichkeit eine Besserung meldet. Kleinere Studien und Studien, die den Placeboeffekt gezielt untersuchten, zeigten größere Effekte.[2]

Placebos in der Praxis und in Studien

Placebos werden auch in Arztpraxen eingesetzt. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete 2011 über eine Schweizer Befragung: 57 Prozent der Hausärzte gaben an, Pseudo-Placebos einzusetzen, also Arzneistoffe in sehr niedriger Dosis, und 17 Prozent reine Placebos.[6]

In klinischen Studien dient das Placebo als Vergleich. Wenn eine Gruppe ein Scheinmittel bekommt und weder Patienten noch Behandelnde wissen, wer was erhält, lässt sich trennen, was ein Wirkstoff leistet und was die Behandlungssituation. Die Stellungnahme der Bundesärztekammer knüpft das an Bedingungen: Ein Placebo ist bei einwilligungsfähigen Patienten vertretbar, wenn es keine andere bewiesen wirksame Behandlung gibt, und Patienten in der Placebogruppe dürfen keinem Risiko einer schweren oder bleibenden Schädigung ausgesetzt sein. Möglich ist auch, das Placebo zusätzlich zur Standardtherapie zu geben.[1] Solche Studien sind auch der Maßstab für die Frage, ob homöopathische Mittel mehr leisten als ein Scheinmittel.

Placebo ohne Täuschung

Lange galt, dass ein Placebo nur wirkt, wenn der Patient es für ein echtes Medikament hält. Eine Studie aus Boston hat das 2010 in Frage gestellt. 80 Menschen mit Reizdarmsyndrom bekamen entweder offen als Placebo bezeichnete Pillen oder keine Behandlung, bei gleich viel Zuwendung durch das Studienteam. Den Teilnehmenden wurde gesagt, es handle sich um Pillen aus einem unwirksamen Stoff wie Zucker, die in Studien Beschwerden über Selbstheilungsvorgänge gebessert hätten. Nach elf Tagen und nach drei Wochen berichtete die Placebogruppe über eine deutlichere Besserung und über weniger starke Beschwerden.[3]

Die Studie war klein, lief nur an einem Zentrum und maß Beschwerden, die die Teilnehmenden selbst einschätzten. Die Autoren selbst fordern weitere Forschung, bevor Ärzte daraus Schlüsse für die Behandlung ziehen.[3]

Warum eine Besserung nicht immer ein Placeboeffekt ist

Nicht jede Besserung nach einer Behandlung geht auf die Behandlung zurück. Der Rat der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) nennt neben dem Placeboeffekt den natürlichen Verlauf einer Krankheit und die Regression zur Mitte.[4]

Der natürliche Verlauf ist leicht zu verstehen: Eine Erkältung klingt nach einigen Tagen ab, mit oder ohne Mittel. Regression zur Mitte bedeutet, dass Beschwerden schwanken. Wer zum Arzt geht oder ein Mittel nimmt, tut das meist, wenn es besonders schlimm ist. Danach ist eine Besserung schon statistisch wahrscheinlicher als eine weitere Verschlechterung. Beides kann den Eindruck verstärken, dass eine Behandlung geholfen hat.[4]

Was das für die Homöopathie bedeutet

2005 verglich eine Arbeitsgruppe der Universität Bern um Shang und Egger 110 placebokontrollierte Homöopathie-Studien mit 110 passenden Studien zu konventionellen Arzneimitteln. Die Hälfte der Studien hatte höchstens 65 Teilnehmende. Als methodisch besser stuften die Forschenden 21 der Homöopathie-Studien ein, also 19 Prozent, und 9 der konventionellen Studien (8 Prozent). In beiden Gruppen zeigten kleinere und schlechter gemachte Studien größere Effekte. Beschränkt auf große Studien hoher Qualität blieb für die Homöopathie nur ein schwacher Hinweis auf eine spezifische Wirkung, für die konventionellen Mittel ein starker. Die Autoren schreiben, das Ergebnis sei mit der Annahme vereinbar, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placeboeffekte sind.[5]

Arzt in den Vierzigern hört in einem hellen Sprechzimmer einer älteren Patientin aufmerksam zu
Bild: KI-generiert

Der EASAC kommt 2017 zu einem ähnlichen Schluss. Jede behauptete Wirkung homöopathischer Mittel lasse sich durch den Placeboeffekt, schlechte Studienplanung, Zufall, Regression zur Mitte oder Publikationsverzerrung erklären. Der Placeboeffekt könne für den einzelnen Patienten wertvoll sein. Es gebe aber keine bekannte Krankheit mit belastbaren, wiederholbaren Belegen für eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus.[4] Wie die einzelnen Übersichtsarbeiten aussehen, steht auf der Seite Was Studien zur Homöopathie zeigen.

Zum weiten Placebobegriff gehört auch das Gespräch. Eine homöopathische Erstanamnese dauert oft lange und fragt nach vielen persönlichen Einzelheiten. Was dabei passiert, beschreibt die Seite Die homöopathische Anamnese. Nach der Stellungnahme der Bundesärztekammer prägen Arzt-Patient-Beziehung und Behandlungsumfeld den Placeboeffekt mit.[1]

Grenzen und ethische Fragen

Der EASAC sieht zwei Probleme. Wer als Behandler Mittel empfiehlt, von denen er weiß, dass sie biologisch unwirksam sind, gerät mit der Aufklärung des Patienten in Konflikt. Und der Nutzen eines Placeboeffekts kann durch Schäden aufgewogen werden, wenn Patienten deshalb später eine wirksame Behandlung suchen.[4] Mehr dazu steht auf der Seite Risiken: wenn wirksame Behandlung zu spät kommt.

Die Bundesärztekammer hält eine Placebobehandlung außerhalb von Studien nur unter engen Bedingungen für vertretbar: wenn es keine geprüfte wirksame Therapie gibt, die Beschwerden eher gering sind, der Patient ausdrücklich eine Behandlung wünscht und Aussicht auf Erfolg besteht. Gibt es eine wirksame, unbestrittene Behandlung, die für den Patienten erfolgversprechender ist, entspricht ein Placebo nach der Stellungnahme nicht dem Qualitätsstandard. Verlangt der Patient eine Behandlung mit Wirkstoff, ist ein Placebo grundsätzlich ebenfalls unzulässig.[1]

  1. Fachgesellschaft Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer: Placebo in der Medizin (Bekanntgabe). Deutsches Ärzteblatt 107, Heft 28-29. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Hróbjartsson A, Gøtzsche PC: Placebo interventions for all clinical conditions (Cochrane Review, CD003974). Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Stand 20.01.2010. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Kaptchuk TJ u. a.: Placebos without deception: a randomized controlled trial in irritable bowel syndrome. PLoS One 5(12), e15591. Stand 22.12.2010. abgerufen am 29.10.2026
  4. Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand 09/2017. abgerufen am 29.10.2026
  5. Studie Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet 366(9487), S. 726 bis 732. Stand 2005. abgerufen am 29.10.2026
  6. Sabine Rieser: Placebos: Mehr als nur Einbildung. Deutsches Ärzteblatt 108, Heft 10. Stand 2011. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.