Grundlagen der HomöopathieRatgeber
Das Ähnlichkeitsprinzip: Herkunft, Begründung und Prüfung
Das Ähnlichkeitsprinzip besagt, dass ein Stoff, der bei Gesunden bestimmte Symptome auslöst, Kranke mit ähnlichen Symptomen heilen soll. Samuel Hahnemann leitete es um 1790 aus einem Selbstversuch mit Chinarinde ab. Systematisch bestätigt wurde die Regel nie, und große Übersichtsarbeiten finden keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus.

Das Ähnlichkeitsprinzip ist der Kern der Homöopathie. Auf Latein lautet es "Similia similibus curentur", auf Deutsch etwa "Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden" [1]. Gemeint ist: Ein Stoff, der bei einem gesunden Menschen bestimmte Beschwerden hervorruft, soll bei einem Kranken mit ähnlichen Beschwerden die Heilung bewirken. Hier erfährst du, wie Samuel Hahnemann auf diese Idee kam, wie er sie begründete und was die Forschung heute dazu sagt.
Was das Prinzip genau besagt
Hahnemann ging davon aus, dass eine Arznei nur deshalb heilen kann, weil sie das Befinden eines Menschen verändert. Im "Organon der Heilkunst" schreibt er, die Heilkraft der Arzneien beruhe allein auf dieser Kraft, Menschenbefinden umzuändern [2]. Welche Veränderungen ein Stoff auslöst, zeige sich nur, wenn man ihn gesunden Menschen gibt und beobachtet, was geschieht [2].
Daraus folgt die eigentliche Regel. Eine Krankheit wird nach Hahnemann am sichersten und dauerhaftesten von dem Mittel geheilt, dessen Symptome beim Gesunden dem Krankheitsbild am ähnlichsten sind und das zugleich etwas stärker wirkt als die Krankheit selbst [2]. Er nannte das ein Naturgesetz: Eine schwächere Störung werde durch eine ähnliche, stärkere ausgelöscht [2]. Als Beleg führte er Fälle an, in denen eine natürliche Krankheit eine ältere, ähnliche Krankheit verdrängt haben soll [2].
Ähnlich bezieht sich bei Hahnemann auf das Bild der Symptome. Die Ursache einer Krankheit spielt für die Mittelwahl kaum eine Rolle. Verglichen wird die Gesamtheit dessen, was ein Kranker empfindet und zeigt, mit den Aufzeichnungen über die Wirkung eines Stoffs auf Gesunde [2].
Der Chinarindenversuch von 1790
Den Anstoß gab eine Übersetzungsarbeit. Hahnemann übertrug um 1790 die zweibändige Arzneimittellehre des schottischen Arztes William Cullen ins Deutsche. Cullen erklärte darin, wie die bittere Chinarinde gegen Wechselfieber wirkt, und Hahnemann hielt diese Erklärung für falsch [1]. Wahrscheinlich im Frühjahr 1790 nahm er deshalb selbst mehrere Tage lang Chinarinde ein, nach Angaben der Pharmazeutischen Zeitung knapp 30 Gramm am Tag, was etwa 2 Gramm Chinin entspricht [1].

Er beobachtete an sich eine Art Fieber, das ihn an eine frühere Malariaerkrankung erinnerte [1]. Die Allgemeine Deutsche Biographie beschreibt die Folgen als wechselfieberartige Zufälle [3]. Hahnemann schloss daraus, dass die Rinde Wechselfieber heilt, weil sie bei Gesunden ähnliche Erscheinungen hervorruft. Die Pharmazeutische Zeitung nennt diesen Selbstversuch die Geburtsstunde des Simile-Gesetzes [1].
Ob die Beobachtung zutraf, ist bis heute offen. Ein einzelner Selbstversuch ohne Vergleichsgruppe kann nicht zeigen, ob Symptome vom Stoff kommen, von einer anderen Ursache oder von der Erwartung des Versuchsteilnehmers.
Der Aufsatz von 1796 und das Organon
Nach weiteren Jahren eigener Versuche veröffentlichte Hahnemann 1796 den Aufsatz "Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen" in der medizinischen Zeitschrift von Christoph Wilhelm Hufeland [3]. Darin beschrieb er die Idee erstmals ausführlich [1]. Die Allgemeine Deutsche Biographie fasst sie so zusammen: Dem krankhaften Reiz der Krankheit solle eine andere krankmachende Kraft von ähnlicher Wirkung entgegengesetzt werden [3].
1810 erschien die erste Auflage des "Organon der rationellen Heilkunde", das Hahnemann bis 1833 mehrfach überarbeitete [1, 3]. Die vierte Auflage von 1829 behandelt das Ähnlichkeitsprinzip und seine Begründung in den Paragraphen 14 bis 66 [2]. Der Name Homöopathie geht auf ein griechisches Wort zurück, das etwa "in ähnlichem Zustand" oder "ähnlich empfindend" bedeutet [8].
Arzneimittelprüfung am Gesunden
Wenn ein Mittel nach seinen Wirkungen auf Gesunde ausgewählt werden soll, braucht man Aufzeichnungen über diese Wirkungen. Hahnemann ließ deshalb gesunde Menschen Stoffe einnehmen und alles notieren, was sie danach an sich bemerkten [2]. Diese Arzneimittelprüfung ist neben dem Ähnlichkeitsprinzip, der Gabe einzelner Mittel und kleinster Dosen eine der Grundannahmen der Homöopathie [1].

Die gesammelten Prüfsymptome bilden bis heute die Grundlage homöopathischer Nachschlagewerke. In der Praxis werden die Angaben aus der homöopathischen Anamnese mit diesen Verzeichnissen abgeglichen. Aus heutiger Sicht fehlt den frühen Prüfungen, was eine Studie aussagekräftig macht: Vergleichsgruppen mit Scheinmitteln, Verblindung und eine Auswertung, die Zufallsbefunde von echten Effekten trennt.
Ähnliches gegen Gegensätzliches
Hahnemann grenzte seine Lehre scharf von der Medizin seiner Zeit ab. Diese behandle oft nur ein einzelnes lästiges Symptom mit einem Mittel, das das Gegenteil bewirkt, nach dem alten Grundsatz "contraria contrariis" [2]. Als Beispiele nannte er Mohnsaft gegen Schmerzen, Durchfall und Schlaflosigkeit, Abführmittel bei Verstopfung und kaltes Wasser bei einer verbrannten Hand [2]. Solche Mittel brächten bei länger bestehenden Leiden nur kurze Erleichterung, auf die eine echte Verschlimmerung folge [2].
Für Behandlungen, die nicht nach dem Ähnlichkeitsprinzip vorgehen, prägte Hahnemann den Begriff Allopathie, erstmals gedruckt 1816 [9]. Er wird bis heute verwendet, oft von Anhängern alternativer Therapieansätze für die wissenschaftlich begründete Medizin [9]. Die evidenzbasierte Medizin wählt ihre Mittel danach aus, was sich in kontrollierten Studien als wirksam erwiesen hat.
Ähnlichkeit und Dosis
Aus dem Ähnlichkeitsprinzip folgte für Hahnemann eine zweite Frage: Wenn das passende Mittel eine ähnliche, etwas stärkere Arzneikrankheit erzeugt, wie viel davon braucht ein Kranker? Seine Antwort war, die Gabe so klein wie möglich zu halten. Das Mittel solle die Krankheit gerade eben übertreffen [2]. Später verdünnte er die Mittel in immer mehr Stufen und schüttelte sie dabei, weil er glaubte, dass sie dadurch wirksamer werden [1].
EASAC nennt dieses Verdünnen und Verschütteln ein zweites zentrales Prinzip der Homöopathie. Einige Anwender erklären die Wirkung heute damit, dass die Mittel die Selbstheilung des Körpers anregen [4]. Ähnlichkeitsprinzip und Potenzierung hängen also eng zusammen. Für die Prüfung in Studien spielt die Trennung keine Rolle: Untersucht wird, ob das fertige Mittel bei Kranken mehr bewirkt als ein Scheinmittel.
Was die Wissenschaft zum Ähnlichkeitsprinzip sagt
Der Wissenschaftliche Beirat der europäischen Akademien der Wissenschaften (EASAC) beschreibt "like cures like" als eines von zwei zentralen Prinzipien der Lehre, neben dem Verdünnen und Verschütteln [4]. Er hält die Erklärungen für eine Wirkung für unplausibel und unvereinbar mit Chemie und Physik. Sie widersprächen dem gut belegten Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung, der in der Pharmakologie über die Bindung von Wirkstoffen an Rezeptoren erklärt wird [4].

Entscheidend ist aber, ob homöopathische Mittel bei Kranken mehr bewirken als ein Scheinmedikament. Eine Auswertung von 110 Homöopathie-Studien und 110 vergleichbaren Studien zu herkömmlichen Medikamenten fand 2005 nach Berücksichtigung von Verzerrungen nur schwache Hinweise auf eine spezifische Wirkung der Homöopathie, für die herkömmlichen Mittel dagegen starke [5]. Die Autoren schrieben, ihr Ergebnis sei mit der Annahme vereinbar, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placeboeffekte sind [5].
Zum selben Schluss kommen die großen Bewertungen der letzten Jahre. Der australische Forschungsrat NHMRC wertete 2015 insgesamt 57 systematische Übersichtsarbeiten zu 68 Erkrankungen aus. Er fand keine Erkrankung, für die verlässliche Belege einer Wirkung vorliegen, und riet, Homöopathie nicht bei chronischen, ernsten oder möglicherweise ernsten Erkrankungen einzusetzen [4]. EASAC schloss sich 2017 dieser Einschätzung an [4]. Auch die Cochrane-Übersichten, die nach festen Regeln alle verfügbaren Studien zu einer Frage auswerten, fanden für Asthma, Demenz, Geburtseinleitung, ADHS, Reizdarm und Grippe keine oder zu wenige Belege, um eine Wirkung verlässlich zu beurteilen [4]. Wer mehr über den Stand der Forschung und den Placeboeffekt wissen will, findet dort die Einzelheiten.
Eine Übersichtsarbeit von 2014 untersuchte gezielt Studien, in denen das Mittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip für jede Person einzeln ausgewählt wurde. Sie fand in 22 auswertbaren Studien einen kleinen Vorteil gegenüber Scheinmitteln [7]. Allerdings hatten 20 von 32 Studien ein hohes Verzerrungsrisiko, und nur drei galten als verlässlich. Die Autoren betonten selbst, dass die Belege von geringer oder unklarer Qualität sind und neue, gute Studien fehlen [7].
Warum fühlen sich viele Menschen nach einer homöopathischen Behandlung trotzdem besser? EASAC nennt neben dem Placeboeffekt den natürlichen Verlauf einer Krankheit und die Regression zur Mitte: Wer zum Höhepunkt seiner Beschwerden behandelt wird, erlebt danach oft ohnehin eine Besserung [4].
Was das für dich heißt
Das Ähnlichkeitsprinzip ist eine Idee aus dem späten 18. Jahrhundert, die auf einem Selbstversuch und Hahnemanns Deutung beruht. Die Pharmazeutische Zeitung hält fest, dass es nie systematisch bestätigt wurde [1]. Wenn dir jemand erklärt, ein Mittel helfe, weil es bei Gesunden ähnliche Beschwerden auslöse, beschreibt das die Lehre. Ob es dir hilft, belegt es nicht.
Auch das Recht zieht hier eine Grenze. Nach dem Heilmittelwerbegesetz darf Werbung einem Mittel keine therapeutische Wirkung zuschreiben, die es nicht hat, und nicht den Eindruck erwecken, ein Erfolg sei sicher zu erwarten [6]. Wer mehr über die Herkunft der Lehre lesen möchte, findet sie im Artikel über Samuel Hahnemann. Wie aus dem Ähnlichkeitsprinzip die Wahl einer Verdünnung folgt, erklärt der Artikel über Potenzen.
- Studie Seit 250 Jahren alternativ: Samuel Hahnemann (Axel Helmstädter). Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 31/2005. Stand 01.08.2005. abgerufen am 29.10.2026
- Organon der Heilkunst, 4. Auflage (§§ 14 bis 66, 105 bis 145, 277 bis 281). Samuel Hahnemann, Arnoldische Buchhandlung, Dresden und Leipzig, digitalisiert bei Projekt Gutenberg. Stand 1829. abgerufen am 29.10.2026
- Hahnemann, Samuel (Gustav Puhlmann). Allgemeine Deutsche Biographie, Band 10, S. 374 bis 378, bei Wikisource. Stand 1879. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand September 2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy (Shang A, Egger M u. a.). The Lancet 366 (2005), S. 726 bis 732. Stand 27.08.2005. abgerufen am 29.10.2026
- Gesetz § 3 Heilmittelwerbegesetz (HWG): Irreführende Werbung. Bundesministerium der Justiz. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis (Mathie RT u. a.). Systematic Reviews 3 (2014), Artikel 142. Stand 2014. abgerufen am 29.10.2026
- Homöopathie, Wortherkunft. Duden, Bibliographisches Institut. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Allopathie. Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
GrundlagenPotenzenWas D6, C30 oder Q3 bedeuten: wie homöopathische Potenzen hergestellt werden, wie stark sie verdünnt sind und ab wann kein …
GrundlagenGlobuliGlobuli bestehen aus Saccharose, auf die eine verdünnte Lösung aufgebracht wird.
GrundlagenDie homöopathische AnamneseWie lange die homöopathische Erstanamnese dauert, welche Fragen gestellt werden, was Repertorisation heißt und was Studien …
MittelMineralische AusgangsstoffeKochsalz, Eisenphosphat, Arsen, Quecksilber: welche Mineralien und Verbindungen in homöopathischen Mitteln stecken und wie …