Was die Wissenschaft sagtRatgeber
Risiken der Homöopathie: wenn wirksame Behandlung zu spät kommt
Als erstes Risiko der Homöopathie nennt der EASAC, dass Menschen wirksame Behandlung zu spät oder gar nicht suchen. Studien zu Krebspatienten, die auf alternative Medizin allgemein setzten und konventionelle Therapie ablehnten, zeigen ein höheres Sterberisiko. Direkte Nebenwirkungen sind seltener, aber in Fallberichten beschrieben, vor allem Allergien und Vergiftungen.
Globuli gelten vielen als harmlos. Fachgremien sehen die Risiken der Homöopathie vor allem an anderer Stelle: dort, wo sie eine wirksame Behandlung verzögert oder ersetzt. Hier geht es um diese indirekten Risiken, um direkte Nebenwirkungen, um homöopathische "Impfungen" und um Warnzeichen, bei denen du sofort Hilfe holen solltest.
Verspätete Behandlung
Der Rat der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) hat 2017 die Forschung zur Homöopathie bewertet. Er sieht in der Werbung für homöopathische Mittel und ihrer Anwendung erhebliche Risiken. An erster Stelle steht, dass Patienten eine angemessene, wissenschaftlich begründete Behandlung verspätet suchen oder ganz davon abgehalten werden.[1] Verstärkt werde dieses Risiko, wenn homöopathische Werbung die übliche Medizin schlechtmacht.[1]

Der australische National Health and Medical Research Council (NHMRC) kam 2015 zu dem Ergebnis, dass es für keine Erkrankung verlässliche Belege für eine Wirkung der Homöopathie gibt. Er riet, Homöopathie nicht bei Beschwerden einzusetzen, die chronisch oder ernst sind oder ernst werden könnten.[1, 14] Wer Homöopathie wählt und Behandlungen mit guten Belegen ablehnt oder hinauszögert, kann nach dem NHMRC seine Gesundheit gefährden.[14] Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Paul Glasziou, zeigte sich überrascht, dass Homöopathie auch für Infektionen wie HIV und Malaria beworben wird, gegen die es wirksame Behandlungen gibt.[2] Den Bericht beschreibt die Seite Der australische NHMRC-Bericht von 2015.
Wie oft so etwas vorkommt, ist schwer zu messen. Eine Übersicht über veröffentlichte Fallberichte von 2012 fand 38 Berichte zu unerwünschten Folgen der Homöopathie. Acht davon betrafen Schäden, die entstanden, weil Homöopathie eine konventionelle Behandlung ersetzt hatte.[3] Die Autoren schließen, dass Homöopathie Patienten direkt und indirekt schaden kann, und raten Ärzten, ihre Patienten über diese Risiken zu informieren.[3]
Was Studien zu Krebspatienten zeigen
Untersucht wurde die Frage unter anderem bei Krebs. Forschende der Yale School of Medicine werteten Daten der US-amerikanischen National Cancer Database aus. In einer Arbeit von 2018 verglichen sie 281 Patienten mit nicht gestreutem Brust-, Prostata-, Lungen- oder Darmkrebs, die ausschließlich alternative Medizin wählten, mit Patienten, die konventionell behandelt wurden. Wer nur auf alternative Medizin setzte, hatte insgesamt ein 2,5-fach höheres Sterberisiko, bei Brustkrebs ein 5,7-fach höheres.[4]
Eine zweite Auswertung derselben Gruppe nutzte Daten von rund 1,9 Millionen Krebspatienten, die zwischen 2004 und 2013 die Diagnose erhalten hatten. Sie untersuchte 258 Patienten, die zusätzlich zur Krebstherapie ergänzende Verfahren nutzten. Sie lehnten deutlich häufiger Teile der empfohlenen Behandlung ab, etwa Chemotherapie (34,1 gegen 3,2 Prozent) oder Bestrahlung (53,0 gegen 2,3 Prozent), und hatten ein höheres Sterberisiko. Rechneten die Forschenden die abgelehnten oder verzögerten Behandlungen heraus, verschwand der Unterschied. Die Autoren führen das höhere Risiko auf die abgelehnte Therapie zurück. Beide Arbeiten sind Beobachtungsstudien und zeigen Zusammenhänge.[5] Nach fünf Jahren lebten in der Gruppe mit ergänzenden Verfahren 82,2 Prozent, in der Vergleichsgruppe 86,6 Prozent.[5]
In der ersten Arbeit wählten Patienten mit Brust- oder Lungenkrebs, mit höherem sozialem Status und mit wenigen Begleiterkrankungen häufiger ausschließlich alternative Medizin.[4] Die Autoren betonen, dass dieser Weg selten ist. Wer ihn bei heilbarem Krebs ohne jede konventionelle Behandlung geht, hat nach ihren Daten ein höheres Sterberisiko.[4]
Beide Studien betreffen alternative und ergänzende Verfahren insgesamt, sie trennen Homöopathie nicht eigens aus. Was Studien zur Homöopathie bei Krebs zeigen, steht auf der Seite Homöopathie bei Krebs und anderen ernsten Erkrankungen.
Homöopathische Mittel statt Impfung
Eine kanadische Studie hat 2018 geprüft, ob homöopathische "Impfstoffe" im Körper eine Abwehrreaktion auslösen. 150 Studierende, die als Kinder geimpft worden waren, erhielten zufällig zugeteilt ein homöopathisches Mittel gegen Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Mumps und Masern, ein Placebo oder die üblichen Impfstoffe. Weder die Teilnehmenden noch das Studienteam, das Labor oder die Auswertung wussten, wer was bekommen hatte.[6]

In der Gruppe mit dem homöopathischen Mittel und in der Placebogruppe zeigte niemand einen Anstieg der Antikörper auf mindestens das Doppelte. Von denen, die den üblichen Impfstoff gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus bekamen, reagierten je nach Erreger 68 bis 88 Prozent so.[6] Nach dem Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln zeigten 35 Prozent einen solchen Anstieg gegen Masern oder Mumps.[6] Die Autoren folgern, dass homöopathische "Impfstoffe" keine Antikörper erzeugen und wie ein Placebo wirken.[6]
Direkte Nebenwirkungen und Verunreinigungen
Die Fallberichts-Übersicht von 2012 fand 30 Berichte über direkte unerwünschte Wirkungen homöopathischer Mittel. Insgesamt waren in allen 38 Berichten 1.159 Menschen betroffen. Die Folgen reichten von leicht bis schwer, vier Menschen starben. Am häufigsten waren allergische Reaktionen und Vergiftungen. Am öftesten beteiligt war ein Mittel aus dem Giftsumach (Rhus toxicodendron).[3] Fallberichte zeigen, dass solche Schäden vorkommen. Wie häufig sie sind, lässt sich aus ihnen nicht ablesen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat bekannt gewordene Risiken in einigen Fällen zum Anlass genommen, die Anwendung niedriger Potenzen einzuschränken, Dosierungen zu ändern oder Gegenanzeigen für bestimmte Personengruppen einzuführen. Zulassungsinhaber müssen schwerwiegende Nebenwirkungen melden, das gilt für alle registrierten und zugelassenen homöopathischen Arzneimittel.[7] Was die Potenzangaben bedeuten, erklärt die Seite Potenzen: D, C, Q und LM erklärt.
Der EASAC weist außerdem auf mögliche Sicherheitsprobleme durch schlecht überwachte Herstellung hin und fordert mehr Qualitätskontrolle und eine bessere Erfassung von Nebenwirkungen.[1] Auf der Packung sollen nach seiner Empfehlung, wie bei anderen Produkten aus der Apotheke, die Inhaltsstoffe und ihre Mengen in einfacher Form stehen.[1] Wie die Mittel hergestellt werden, steht auf der Seite Wie homöopathische Mittel hergestellt werden.
Kinder und Tiere
Kinder und Tiere können ihre Beschwerden nicht selbst einordnen, die Entscheidung über eine Behandlung treffen andere für sie. Worauf Eltern achten sollten, beschreibt die Seite Homöopathie bei Kindern: was Eltern wissen sollten.
Bei Nutztieren sieht der EASAC ein eigenes Problem. Nach seiner Darstellung von 2017 sahen die EU-Vorschriften für den ökologischen Landbau vor, homöopathische Mittel bevorzugt vor Antibiotika und anderen erprobten Tierarzneimitteln einzusetzen. Ein Antibiotikum durfte danach zwar folgen, wenn das homöopathische Mittel nicht hilft. Die Verzögerung kann den Tieren aber schaden und die Infektion auf andere Tiere übergehen lassen.[1] Mehr dazu steht auf der Seite Homöopathie bei Tieren.
Folgen über den Einzelfall hinaus
Der EASAC nennt noch eine zweite Art von Schaden. Werbung für Homöopathie und ihre Anwendung könnten das Vertrauen von Patienten und Öffentlichkeit in wissenschaftliche Belege untergraben, bei Entscheidungen über Gesundheit und bei anderen Fragen der Gesellschaft.[1] Außerdem sieht er ein Problem bei der Aufklärung, wenn Behandler Mittel empfehlen, von denen sie wissen, dass sie biologisch unwirksam sind.[1] Was der Placeboeffekt leisten kann und wo seine Grenzen liegen, erklärt die Seite Der Placeboeffekt.
Warnzeichen: wann du sofort Hilfe brauchst
Bei schweren Verletzungen, Vergiftungen oder schweren Krankheitszeichen sollst du nach dem Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums direkt die 112 wählen oder ein Krankenhaus aufsuchen. Dazu zählen:[8]

- Atemnot,
- Bewusstlosigkeit,
- Anzeichen eines Herzinfarkts wie starker Brustschmerz, Atemnot und kalter Schweiß,
- plötzliche Lähmungen oder Sprachstörungen,
- ein allergischer Schock,
- starke Schmerzen.
Ist die Lage nicht lebensbedrohlich, kann aber nicht bis zur nächsten Sprechstunde warten, hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117. Die Nummer ist rund um die Uhr erreichbar und aus deutschen Telefonnetzen kostenlos.[9]
Worauf du achten kannst
Der damalige NHMRC-Chef Warwick Anderson warnte 2015 davor, Homöopathie bei schweren oder chronischen Krankheiten einzusetzen.[10] Der NHMRC rät außerdem, verordnete Behandlungen fortzuführen.[14] Der Verband der australischen Hausärzte empfiehlt Ärzten, von sich aus mit Patienten darüber zu sprechen, ob sie Homöopathie nutzen, damit beide Wirksamkeit und Sicherheit gemeinsam einschätzen können.[11] Es hilft also, wenn du deiner Ärztin oder deinem Arzt sagst, was du zusätzlich nimmst.
In Deutschland können homöopathische Arzneimittel seit dem 30.07.2026 nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz). Als freiwillige Satzungsleistung ist eine Erstattung noch bis zum 31.12.2026 erlaubt, ab dem 01.01.2027 ist sie ausgeschlossen.[12, 13] Wo die Selbstbehandlung an Grenzen stößt, beschreibt die Seite Selbstbehandlung mit Homöopathie: Grenzen und Risiken.
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand 09/2017. abgerufen am 29.10.2026
- Paul Glasziou: Still no evidence for homeopathy (Blog). The BMJ Opinion. Stand 16.02.2016. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E: Adverse effects of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. International Journal of Clinical Practice 66(12), S. 1178 bis 1188. Stand 2012. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Use of Alternative Medicine for Cancer and Its Impact on Survival. Journal of the National Cancer Institute 110(1). Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Johnson SB, Park HS, Gross CP, Yu JB: Complementary Medicine, Refusal of Conventional Cancer Therapy, and Survival Among Patients With Curable Cancers. JAMA Oncology 4(10), S. 1375 bis 1381. Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Loeb M, Russell ML, Neupane B, Thanabalan V, Singh P, Newton J, Pullenayegum E: A randomized, blinded, placebo-controlled trial comparing antibody responses to homeopathic and conventional vaccines in university students. Vaccine 36(48), S. 7423 bis 7429. Stand 2018. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Themendossier Homöopathische Arzneimittel. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Notruf und Notaufnahme. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 23.04.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation 116117: Der ärztliche Bereitschaftsdienst. Kassenärztliche Bundesvereinigung. Stand 2026. abgerufen am 29.10.2026
- Homöopathie nicht besser als Placebo (Australien). Apotheke Adhoc. Stand 20.03.2015. abgerufen am 29.10.2026
- Fachgesellschaft Position statement: Homeopathy. The Royal Australian College of General Practitioners (RACGP). Stand 10/2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz am 30. Juli 2026 in Kraft getreten: Änderungen, die sofort umzusetzen sind (Infoletter). Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt. Stand 31.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in Kraft: Was sich für Praxen ändert. Deutsches Ärzteblatt. Stand 30.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde NHMRC Statement: Statement on Homeopathy. National Health and Medical Research Council (NHMRC), Australien. Stand 03/2015. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
StudienlageWas Studien zur Homöopathie zeigenMeta-Analysen, Cochrane-Reviews und Gutachten zur Homöopathie im Überblick: was Shang, Linde, Mathie, NHMRC und EASAC …
StudienlageDer australische NHMRC-Bericht von 2015Was der australische NHMRC 2015 zur Homöopathie geprüft hat, wie er vorging, was "keine verlässlichen Belege" heißt und was …