Was die Wissenschaft sagtRatgeber
Homöopathische Verdünnung: Avogadro-Zahl und Wassergedächtnis
Ein Mol eines Stoffes enthält rund 6 mal 10 hoch 23 Teilchen. Ab einer C12 enthält eine Probe von der Größe der Ausgangslösung im Mittel kein ganzes Molekül des Stoffes mehr, selbst wenn die Reihe mit einem ganzen Mol begann. Die Idee, Wasser speichere dennoch eine Information über den Stoff, ist nach Messungen zur Wasserstruktur nicht haltbar.

Viele homöopathische Mittel sind so stark verdünnt, dass rechnerisch kein Molekül des Ausgangsstoffs mehr darin sein kann. Die Grenze ergibt sich aus der Avogadro-Konstante, einer Grundgröße der Chemie. Manche Homöopathen erklären die Wirkung deshalb mit einem Gedächtnis des Wassers. Hier steht, wie die Verdünnungen entstehen, wo die Grenze liegt und was Physik und Chemie zum Wassergedächtnis herausgefunden haben.
Wie homöopathische Verdünnungen entstehen
Homöopathische Mittel werden schrittweise verdünnt und dabei verschüttelt. Bei den D-Potenzen wird in jedem Schritt 1 Teil mit 9 Teilen Lösungsmittel gemischt, also im Verhältnis 1 zu 10. Bei den C-Potenzen ist es 1 Teil auf 99 Teile, also 1 zu 100 [1]. Die Zahl hinter dem Buchstaben gibt an, wie oft der Schritt wiederholt wurde: Eine D6 ist sechsmal 1 zu 10 verdünnt, eine C3 dreimal 1 zu 100 [1]. Als Lösungsmittel dient ein Gemisch aus Alkohol und Wasser, jede Stufe wird von Hand verschüttelt [1]. Wie die Buchstaben und Zahlen zu lesen sind, erklärt der Artikel über Potenzen.

Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, lebte von 1755 bis 1843 und veröffentlichte die erste Fassung seines Hauptwerks Organon 1810 [3]. Sein Biograf Gustav Puhlmann beschrieb 1879, dass Hahnemann die Arzneien "in die Decillionen" verdünnte, zunächst um giftige Wirkungen abzuschwächen. Später lehrte Hahnemann, erst das Verdünnen erschließe die Heilkräfte [2]. Eine Dezillion ist eine Eins mit 60 Nullen. Das entspricht einer C30, denn dreißig Schritte von 1 zu 100 ergeben eine Verdünnung von 1 zu 10 hoch 60. Mehr über sein Leben steht unter Samuel Hahnemann: Leben und Werk.
Was die Avogadro-Konstante angibt
Chemiker zählen Teilchen in der Einheit Mol. Ein Mol enthält genau 6,022 140 76 mal 10 hoch 23 Teilchen, also gut 600 Trilliarden [4, 5]. Diese Zahl heißt Avogadro-Konstante. Seit der Neufassung des Internationalen Einheitensystems 2019 ist ihr Wert exakt festgelegt und definiert das Mol [5, 6].
Der Name geht auf Amedeo Avogadro zurück, der 1811 annahm, dass gleich große Gasmengen bei gleichem Druck und gleicher Temperatur gleich viele Teilchen enthalten. Josef Loschmidt schätzte 1865 erstmals die Größe von Gasmolekülen ab, woraus sich die Zahl der Teilchen je Volumen berechnen lässt [6]. Hahnemann war da schon mehr als zwanzig Jahre tot [3]. Als er seine Verdünnungsregeln aufstellte, ließ sich also noch nicht berechnen, ab welcher Stufe vom Ausgangsstoff nichts mehr übrig ist.
Ab welcher Potenz kein Molekül mehr da ist
Die Rechnung ist einfach. Nimm an, du startest mit einem ganzen Mol des Ausgangsstoffs, also rund 6 mal 10 hoch 23 Molekülen. Jede D-Stufe teilt die Menge durch 10, jede C-Stufe durch 100. Die Tabelle zeigt, wie viele Moleküle im Mittel in einer Probe stecken, die so groß ist wie die Ausgangslösung, nachdem die Lösung auf die jeweilige Potenz verdünnt wurde.

| Potenz | Verdünnung | Moleküle aus einem Mol |
|---|---|---|
| D6 | 1 zu 1 Million | rund 6 mal 10 hoch 17 |
| D12 oder C6 | 1 zu 1 Billion | rund 600 Milliarden |
| D23 | 1 zu 10 hoch 23 | rund 6 |
| D24 oder C12 | 1 zu 10 hoch 24 | rund 0,6 |
| C30 | 1 zu 10 hoch 60 | rund 6 mal 10 hoch minus 37 |
Ab einer C12 enthält eine Probe von der Größe der Ausgangslösung also selbst dann im Mittel weniger als ein Molekül, wenn die Reihe mit einem ganzen Mol begann. Der Forscher D. J. Anick, der homöopathische Mittel 2004 im Labor untersuchte, beschreibt Mittel ab der Potenz C12 entsprechend als ultraverdünnt, sie enthalten keine Moleküle des Ausgangsstoffs mehr [7]. In der Praxis beginnt die Verdünnung meist mit viel weniger als einem Mol, die Grenze ist dann früher erreicht.
Angenommen, ein Mol des Ausgangsstoffs wäre in einem Liter gelöst und diese Lösung würde bis zur C30 verdünnt. Um darin im Mittel ein einziges Molekül zu finden, bräuchte man etwa 1,7 mal 10 hoch 36 Liter der fertigen Lösung. Alle Weltmeere zusammen fassen nach Angaben der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA rund 1,335 Milliarden Kubikkilometer Wasser [8], das sind etwa 1,3 mal 10 hoch 21 Liter. Man bräuchte also rund 1,2 Billiarden Weltmeere voll C30-Lösung für ein Molekül.
Nicht alle Homöopathen setzten auf so hohe Verdünnungen. Puhlmann schrieb schon 1879, viele Homöopathen seiner Zeit hielten zwar am Ähnlichkeitsprinzip fest, verwendeten aber mehr materielle Dosen als Hahnemann [2]. Für die heutige Praxis stellt EASAC fest, dass viele homöopathische Mittel aus Stoffen hergestellt werden, die so oft verdünnt wurden, dass vom Ausgangsstoff nichts mehr vorhanden ist [9]. Ob ein Mittel noch Moleküle des Ausgangsstoffs enthält, hängt deshalb an seiner Potenz und an der Menge, mit der die Verdünnung begonnen hat.
Niedrige Potenzen wie eine D6 enthalten dagegen rechnerisch noch zahlreiche Moleküle des Ausgangsstoffs. Das kann bei giftigen Ausgangsstoffen eine Rolle spielen: EASAC berichtet von einer Untersuchung der US-Arzneimittelbehörde FDA, bei der für homöopathische Zahnungsmittel schwere unerwünschte Ereignisse gemeldet wurden, darunter Todesfälle bei Säuglingen. Sie hingen mit schwankenden Mengen des Ausgangsstoffs Belladonna zusammen [9]. Wie die Mittel hergestellt und kontrolliert werden, beschreibt der Artikel Wie homöopathische Mittel hergestellt werden.
Die Idee vom Wassergedächtnis
Weil in hohen Potenzen kein Ausgangsstoff mehr vorhanden ist, gehen einige Homöopathen davon aus, dass der Stoff durch das Verschütteln einen Abdruck im Wasser hinterlässt [9]. Der australische Forschungsrat NHMRC nennt diese Annahme, dass stark verdünnte Substanzen eine Erinnerung an den Ausgangsstoff behalten, als eine der zwei Grundideen der Homöopathie [14].
Bekannt wurde die Idee durch eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Nature von 1988. Die Forschergruppe um E. Davenas berichtete, dass bestimmte weiße Blutkörperchen auf einen Antikörper reagierten, der bis zu 1 zu 10 hoch 120 verdünnt war, obwohl rechnerisch kein Antikörper-Molekül mehr in der Lösung sein konnte. Die Wirkung trete nur auf, wenn bei jeder Verdünnung kräftig geschüttelt werde, und könne mit der Ordnung der Wassermoleküle zusammenhängen [10]. Eine Gruppe um S. J. Hirst versuchte, das Experiment so genau wie möglich nachzustellen. Sie fand 1993 keinen Hinweis auf die beschriebenen Wirkungen [11].
Was Physik und Chemie dazu messen
Flüssiges Wasser bildet ein Netz aus Wasserstoffbrücken zwischen den Molekülen, das sich ständig umbaut. Eine Forschergruppe um M. L. Cowan maßen 2005 mit Infrarot-Laserspektroskopie, wie schnell dieses Netz seine Struktur verliert. Ihr Ergebnis: Flüssiges Wasser vergisst bestehende Strukturen innerhalb von etwa 50 Femtosekunden, also 50 billiardstel Sekunden [12].

Die europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) fassten 2017 den Forschungsstand zusammen. Gelöste Stoffe beeinflussen Wasser nur auf kurze Entfernung, in der Größenordnung von Nanometern, nicht über ihre unmittelbare Hülle aus Wassermolekülen hinaus. Länger anhaltende Effekte, selbst im Bereich von Nanosekunden oder darunter, zeigen sich nicht. Berechnungen und Messungen stimmen darin überein [9]. Die Behauptung, Wasser behalte ein Gedächtnis, nachdem das letzte Molekül des Ausgangsstoffs herausverdünnt ist, sieht EASAC damit als widerlegt an [9].
Auch direkte Messungen an homöopathischen Mitteln fanden nichts. Anick untersuchte 57 Proben in Potenzen von C6 bis zu sehr hohen Potenzen und 46 Vergleichsproben mit hochempfindlicher Kernspinresonanz-Spektroskopie. Er fand keine Signale, die Mittel und reines Lösungsmittel unterschieden [7]. Was er fand, waren Spuren anderer Stoffe wie Ethanol, Acetat, Methanol und Aceton in einigen handelsüblichen Proben [7]. J. Teixeira hält ein Wassergedächtnis für unvereinbar mit dem, was über reines Wasser bekannt ist. Wer nach einer physikalischen Erklärung suche, müsse eher auf andere Moleküle und gelöste Gase in den Präparaten schauen [13].
Was das für die Studienlage heißt
EASAC kommt zu dem Schluss, dass die wissenschaftlichen Behauptungen der Homöopathie nicht mit gesicherten Erkenntnissen aus Chemie und Physik vereinbar sind. Die Effekte im Wasser seien zu kurzlebig und zu kleinräumig, um eine Wirkung zu erklären [9]. Physikalische Unwahrscheinlichkeit allein ersetzt keine klinische Prüfung. Auch die klinischen Studien zeigen aber nach NHMRC und EASAC für keine Erkrankung verlässliche Belege einer Wirkung [9, 14]. Die Einzelheiten stehen unter Was Studien zur Homöopathie zeigen, warum sich Menschen trotzdem besser fühlen können, unter Der Placeboeffekt.
Auch der Gesetzgeber hat inzwischen eine Grenze gezogen. Seit dem 30.07.2026 können homöopathische und anthroposophische Arzneimittel nach dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Als freiwillige Satzungsleistung dürfen Kassen sie noch bis zum 31.12.2026 erstatten, ab dem 01.01.2027 ist das ausgeschlossen [15, 16]. Mehr dazu unter Zahlt die Krankenkasse Homöopathie?
- Studie Wie werden Homöopathika hergestellt? (Cornelia Neth). PTAheute, Deutscher Apotheker Verlag. Stand 13.10.2022. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Puhlmann, Gustav: Hahnemann, Samuel. Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 374 bis 378, Wikisource. Stand 1879. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Tischner, Rudolf: Hahnemann, Samuel. Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 513 bis 514. Stand 1966. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde CODATA Value: Avogadro constant. National Institute of Standards and Technology (NIST). Stand CODATA 2022. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation SI base unit: mole (mol). Bureau International des Poids et Mesures (BIPM). Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Avogadro-Konstante. Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Anick DJ: High sensitivity 1H-NMR spectroscopy of homeopathic remedies made in water. BMC Complementary and Alternative Medicine 4, Artikel 15. Stand 11/2004. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde How much water is in the ocean?. National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), National Ocean Service. Stand 23.09.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU. European Academies' Science Advisory Council (EASAC). Stand 09/2017. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Davenas E, Beauvais F, Amara J, Oberbaum M, Robinzon B, Miadonna A, Tedeschi A, Pomeranz B, Fortner P, Belon P: Human basophil degranulation triggered by very dilute antiserum against IgE. Nature 333, S. 816 bis 818. Stand 06/1988. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Hirst SJ, Hayes NA, Burridge J, Pearce FL, Foreman JC: Human basophil degranulation is not triggered by very dilute antiserum against human IgE. Nature 366, S. 525 bis 527. Stand 12/1993. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Cowan ML, Bruner BD, Huse N, Dwyer JR, Chugh B, Nibbering ET, Elsaesser T, Miller RJ: Ultrafast memory loss and energy redistribution in the hydrogen bond network of liquid H2O. Nature 434, S. 199 bis 202. Stand 03/2005. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Teixeira J: Can water possibly have a memory? A sceptical view. Homeopathy 96(3), S. 158 bis 162. Stand 07/2007. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde NHMRC Statement: Statement on Homeopathy (CAM02). National Health and Medical Research Council (NHMRC), Australien. Stand 03/2015. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz am 30. Juli 2026 in Kraft getreten: Änderungen, die sofort umzusetzen sind (Infoletter). Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt. Stand 31.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
- GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in Kraft: Was sich für Praxen ändert. Deutsches Ärzteblatt. Stand 30.07.2026. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
- StudienlageRisiken der HomöopathieWelche Risiken Fachleute bei Homöopathie sehen: verspätete Behandlung, ausgelassene Impfungen, Nebenwirkungen.
StudienlageWas Studien zur Homöopathie zeigenMeta-Analysen, Cochrane-Reviews und Gutachten zur Homöopathie im Überblick: was Shang, Linde, Mathie, NHMRC und EASAC …
Recht und KostenHomöopathie im ArzneimittelgesetzWie homöopathische Mittel auf den Markt kommen: Registrierung ohne Wirksamkeitsnachweis, Zulassung mit Anwendungsgebiet …